Putins Propagandakrieg

2 Dokumentationen für einen ARTE- Themenabend

                                                                                                                                                                  

Teil 1 - Putins Propaganda

Der Ton ist rau geworden in den russischen Massenmedien. Seit der Krimannektion übt sich die Kremlpropaganda in Kriegsrhetorik. In der Presse, in Hörfunk und Fernsehen werden Ukrainer Tag für Tag als blutrünstige Faschisten vorgeführt. Die Regierung in Kiew ist im stereotypen Sprachgebrauch quer durch die Medien nur noch „die Junta“. „Krim nasch“ – die Krim gehört uns, dieser Slogan wir den Russen seit über einem Jahr in jeder möglichen Form ins Gehirn gehämmert.

Schuld an allem Unbill tragen nach Meinung der meisten Kommentatoren „die Amerikaner“ oder gar „der Westen“ als Ganzes. Selbst an der durch sinkende Ölpreise verursachten Wirtschaftskrise in Russland sind nach offizieller russischer Lesart die westlichen Sanktionen schuld.

Putins Chefpropagandist, Dmitri Kiseljow, führt in seiner sonntäglichen Sendung im Fernsehkanal „Rossia 1“ einen regelrechten Propagandakrieg gegen den Westen. So schwärmt er vor einem riesigen Atompilz von der russischen Fähigkeit, „Amerika in radioaktive Asche zu verwandeln“. Die Tatsache, dass er als einziger „Journalist“ auf der EU-Sanktionsliste steht, trägt er wie eine Auszeichnung vor sich her.

Kiseljow, der von Putin zum Direktor der staatlichen Propagandaagentur „Russland heute“ gemacht wurde, spricht gern von der grenzenlosen Pressefreiheit in Russland. „Kritik an Putin ist ja schon ein Volkssport.“ Als Beispiele für Alternativmedien nennt er die traditionsreiche „Nowaja Gasjeta“, den Radiokanal „Echo Moskwy“ und den Fernsehsender „Doshd“. Auch in der Redaktion der kremltreuen „Komsomolskaja Prawda“, einer Art russischer Bildzeitung, zählt man dem Filmteam des MDR genau diese Beispiele auf.

Die Besuche in den Redaktionen der „Putinkritiker“ fallen allerdings ernüchternd aus. Die „Nowaja Gasjeta“, für deren mutige Berichterstattung Anna Politowskaja und fünf weitere Journalisten starben, wird am 09. Mai zum letzten Mal erscheinen. Druck auf Werbekunden, exorbitante Versandkosten und andere Schikanen führen zum wirtschaftlichen Aus. Ähnlich ist das Schicksal des Fernsehkanals „Doshd“. Zuerst wurden dem Sender die Mietverträge gekündigt, später die Werbung eingeschränkt. „Doshd“ überlebte das bislang nur, weil die Mitarbeiter zu massiven Gehaltskürzungen bereit waren. Und auch bei „Echo Moskwy“ spürt man den rauen Wind aus dem Kreml. „Ja, mann kann unseren Radiosender jeden Tag schließen“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Sergej Buntman in die Kamera. „Aber wir wollen uns keine Angst machen lassen. Das wäre noch schlimmer als die Schließung.“ 

Teil 2 - Im Glauben an Putin. Russland und sein Präsident

Sascha (32) emigrierte als Kind mit seinen Eltern aus Russland in die USA. Vor fünf Jahren kehrte er in das Land seiner Geburt zurück und arbeitet dort als Finanzanalyst und Schriftsteller.

In den fünf Jahren seit seiner Rückkehr hat sich Russland dramatisch verändert –zum Schlechteren, findet Sascha. Er gehört zu jenen geschätzten 15 Prozent der Bevölkerung, die finden, Russland müsse sich dringend von innen reformieren. Wer solche Meinungen vertritt, will nach der Darstellung der staatlich kontrollierten russischen Medien Russland im Interesse des Westens ruinieren. Putin-Unterstützer Michail Deljagin beschreibt das so: "Es gibt diese 15% der Russen, die meinen, dass Russland immer Unrecht hat und ein Schweinestall und Sumpf ist, in dem sie das Pech hatten, geboren zu sein".

Sascha will Russland nicht verlassen. Er will herausfinden, warum so viele seiner Landsleute glauben, was die Medien unablässig verbreiten: Nur Putin könne Russland davor schützen, vom Westen erdrückt zu werden. Der Film begleitet seine Suche nach Antwort in ganz unterschiedlichen sozialen Milieus.

Dabei trifft er seinen Altersgenossen Maxim, dessen Bruder Dmitrij und ihre Eltern. Eine gut situierte Mittelschichtsfamilie mit Grundstück und Haus am Stadtrand von St Petersburg. Mutter Elvira ist Marketing-Managerin, Vater Valerij Bauunternehmer; die Söhne haben studiert und arbeiten ebenfalls in der Privatwirtschaft. Bei Tee und Pirogi diskutieren sie mit Sascha über die Ukraine, die Wirtschaftskrise und die allgegenwärtige Korruption. Die Familie beklagt die täglichen Bestechungen im russischen Alltag und weiß sehr wohl, dass die Medien einseitig berichten. Trotzdem glaubt sie fest an die Kernbotschaft der russischen Propaganda: dass Putin das Richtige tut.

So ist es auch bei der Familie von Schaffnerin Nadeshda (57), die im St Petersburger Gebiet bescheidenen Verhältnissen lebt. Etliche Alltagsgegenstände in ihrem Haushalt sind mit einem Putin-Porträt verziert. Sie weiß sich mit ihren Kindern und Schwiegerkindern einig, dass Putin am besten wisse, was Russland braucht. Nadeshda ist vehement gegen jede Art von Krieg – glaubt aber ebenso fest, dass Russland sich verteidigen muss. Dazu gehört auch, den russischen Landsleuten in der Ukraine zu Hilfe zu eilen, die ihrer Überzeugung nach vom Faschismus bedroht sind. Außerdem ist es für sie eine ganz natürliche Tatsache, dass die Krim zu Russland gehört.

Sascha erlebt bei beiden Familien tiefsitzende Angst vor dem Chaos der Zeit unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und ihre Sorge um die mühsam erarbeitete wirtschaftliche Stabilität. Dass genau diese Ängste von den Propagandisten des Kreml geschürt und ausgebeutet werden – dessen sind sie sich nicht bewusst. Sascha erlebt ein verblüf­fendes Paradox: Selbst kritisch denkende Menschen glauben nur zu gern, jegliche Opposition im Land werde von den Feinden Russlands im Westen gesteuert, und im Ukraine-Krieg müsse die Souveränität Russlands verteidigt werden.

 „Das russische Paradox” bettet Saschas Suche ein in Zitate aus dem gesellschaftlichen Diskurs, der sich in den Familien wiederspiegelt. Putin selbst und dessen Unterstützerkreise kommen in diesem einordnenden Rahmen ebenso zu Wort wie russische Kreml-Kritiker in Russland und im Exil.

Teil 1 - Putins Propaganda

Buch/ Regie: Stephan Kühnrich

Kamera: Michail Tomkjewitsch/ Franz Koch/ Andrej Jurtschenko/ Patrick Popow/ Stephan Kühnrich

Schnitt: Marco Dausel

Produktionsleitung: Sascha Beier

Produzentin: Simone Baumann

Redaktion: Katja Wildermuth, MDR

 

Teil 2 - Im Glauben an Putin. Russland und sein Präsident

Buch/ Regie: Malgorzata Bucka/ Eugene Izraylit

Kamera: Max Efros/ Anton Drosdow

Schnitt: Jean Daniel/ Thomas Kleinwächter/ Henry Kochmann/ Matthias Schreiber

Produktionsleitung: Sascha Beier

Produzentin: Simone Baumann

Redaktion: Katja Wildermuth, MDR

 

 

Sendetermin: 08.09.2015, ab 20.15 Uhr, ARTE